Ein Interview mit Frau Denise Deiser vom HirschburgForum zum Thema Kinderarmut vom 18.11.2025
Niemand sollte die Nase rümpfen – Im Gespräch mit Frau van den Burg, Gründerin von Froschkönige gegen Kinderarmut e.V.
21. November 2025/in Begegnungen, Kinder- & Jugendhilfe
Am 18. November 2025 war das HirschburgFORUM in Düsseldorf-Flingern bei Gabriele van den Burg zu Gast. Seit vielen Jahren begleitet sie als Gründerin und Vorständin von Froschkönige gegen Kinderarmut e.V. Familien, deren Alltag oft von Unsicherheit und Mangel geprägt ist. Im Gespräch zeigt sich eine Frau, die mit großer Klarheit und stiller Herzlichkeit für Kinder einsteht, die in ihrer Stadt zu oft übersehen werden.
Persönliche Haltung und Motivation
Wie ist der Verein Froschkönige entstanden?
„Der Wunsch war zuerst da: etwas gegen Kinderarmut tun“, sagt sie. „Aber wir hatten keinen Cent.“ Beim Auflösen des Elternhauses sortierten sie und ihre Schwester Gegenstände aus, die zu schade zum Wegwerfen waren.
„Wir haben viele Gegenstände über eBay verkauft. Das war unser Startkapital.“
Aus einer provisorischen Idee entsteht Schritt für Schritt eine Struktur: erst einzelne Hilfen, dann ein kleiner Kreis von Unterstützerinnen und Unterstützern, später ein Verein, der verlässlich ansprechbar ist.
Wie wurden die Froschkönige bekannt?
„Die Leute fragten, was wir da tun – und so hat es sich herumgesprochen. Mund-zu-Mund-Propaganda sollte man nie unterschätzen.“
Ein Herzinfarkt im Jahr 2012 zwang sie, die Arbeit neu zu organisieren. „Wir haben uns verkleinert. Und ab da wurde es klarer: weniger Drumherum, mehr Fokus auf die Familien.“
Geist und Haltung des Vereins
Was prägt die Arbeit der Froschkönige heute?
„Es hat lange gedauert, bis man in Düsseldorf ausgesprochen hat, dass es Kinderarmut gibt“, sagt van den Burg. „Heute ist das Bewusstsein dafür größer – und die Hilferufe sind konkreter.“
Familienhelfer kommen mit Fällen, die oft dringend sind: Lebensmittel, Kleidung, eine Waschmaschine, ein Ticket.
„Man sieht schnell, was fehlt. Und manchmal fehlt sehr viel.“
Besonders in Flingern erlebt sie täglich den Kontrast: wohlhabende Straßenzüge, ein paar Ecken weiter Familien, die bei allem rechnen müssen.
„Das spüren die Kinder. Es bleibt nicht unsichtbar.“
Wie entscheiden Sie, was möglich ist?
„Die Familienhelfer kennen ihre Familien gut. Sie kommen und fragen: Habt ihr Kapazitäten?“
Dann prüft van den Burg, was sie leisten kann. Jede Unterstützung ist nachvollziehbar dokumentiert – nicht aus Bürokratie, sondern aus Verantwortung:
„Es muss stimmen. Denn es geht um die Kinder.“
Die Froschkönige arbeiten bewusst schlank: keine großen Kampagnen, keine aufwendigen Programme, sondern gezielte Hilfen, die sich an der Realität der Familien orientieren – und immer wieder die Frage: Was hilft jetzt wirklich?
Kinder, Jugendliche und Lebenswege
Was erleben Sie, wenn Kinder älter werden?
Sie erzählt von jungen Menschen, die – trotz schwieriger Startbedingungen – Ziele entwickeln.
Ein Mädchen möchte Erzieherin werden. Ein Junge träumt davon, Busfahrer zu werden.
„Wenn Kinder anfangen, in Möglichkeiten zu denken, passiert etwas sehr Wichtiges.“
Für sie zeigt sich darin, dass ein innerer Abstand zur eigenen Lage entsteht: Kinder und Jugendliche sehen nicht mehr nur die Begrenzungen, sondern auch Wege, die aus diesen Begrenzungen hinausführen können.
Gesellschaftlicher und politischer Blick
Was würden Sie der Politik sagen?
1. Der Schulweg muss für arme Kinder kostenfrei sein – mit einem SchokoTicket.
„Es darf nicht an 50 Metern scheitern“, sagt sie.
Sie erzählt von Kindern, die im Dunkeln zur Schule laufen müssen, weil sie kein SchokoTicket bekommen. Und von Familien, die die 49 Euro im Monat schlicht nicht tragen können.
„Die Stadt könnte sehen, wer bedürftig ist. Die Daten liegen vor.“
Es ist für sie kein moralisches, sondern ein praktisches Thema: Mobilität entscheidet darüber, ob Kinder sicher, pünktlich und ohne zusätzliche Belastung zur Schule kommen.
2. Schulbücher müssen für bedürftige Familien kostenlos sein.
„Schulbücher sind teuer – oft so teuer, dass Familien sie schlicht nicht bezahlen können. Für viele ist das eine kaum überwindbare Hürde, die direkt auf die Bildungschancen der Kinder durchschlägt.“
Was würden Sie den Menschen in der Stadt sagen?
„Rümpft nicht die Nase. Jeder kann in diese Situation kommen.“
Sie spricht über Krankheit, Jobverlust und familiäre Brüche.
„Die wenigsten sind schuld. Meist ist es Überforderung – und dann wird es schwer, wieder herauszukommen.“
Es geht ihr um einen Wechsel der Perspektive: weg vom Urteil, hin zu der Frage, was es braucht, damit Menschen wieder Boden unter die Füße bekommen.
Verbindung und Resonanzräume
Was hat Sie an der Hirschburg besonders angesprochen?
„Die Herzlichkeit. Sie war echt, warm und nicht im Geringsten aufgesetzt.“
Auch das Umfeld hat sie bewegt:
„Keine Ablenkung, keine Bilder. Erst war das ungewohnt – aber dann verstand ich es. Man konzentriert sich nur auf den Menschen.“
